Neue Züchtungsmethoden sind ein Werkzeug – kein Wundermittel
Pflanzenzüchtung über natürliche
Selektion gibt es in der
Landwirtschaft seit Jahrtausenden.
Pflanzen verändern sich,
und zwar durch Mutationen.
Diese führen zur Bio dversität
und zur Vielfalt des Lebens. Sie
passieren natürlich, können
aber auch ausgelöst werden. Einen
ersten Schub gab es in der
Pflanzenzüchtung ausgelöst
durch die Forschungen von
Gregor Mendel und seine Kreuzungsexperimente.
Darauf folgte
ein erster Züchtungsboom
um das Jahr 1900. Ab 1950 wurde
verstärkt die Mutagenese in
der Pflanzenzüchtung angewendet,
wo viele der heutigen
Sorten mit radioaktiver Strahlung
oder Colchizin behandelt
wurden. Dabei wurden unkontrolliert
Mutationen und damit
neue Eigenschaften ausgelöst.
Seit den 1980er Jahren wird in
der Pflanzenzucht Gentechnik
eingesetzt, die in Österreich
nicht und in vielen Ländern Europas
nur eingeschränkt angewendet
wird und vor allem aufgrund
der Züchtung von Herbizidresistenzen
bei Nutzpflanzen
zum Teil abgelehnt wurde.
Seit dem Jahr 2000 wurden
die „Neuen Genomischen
Techniken“ (NGT) entwickelt,
wo seit 2012 vor allem über
die Genschere CRISPR/Cas9
gezielt Eigenschaften verändert
werden können. Ihr Prinzip
ist es, kleine Änderungen
im Genom an einer definierten
Position zu erzeugen. „Bei
diesen neuen genomischen
Methoden ist am Schluss kein
artfremdes Gen in der Pflanze.
Der Züchter bekommt also
Veränderungen, die prinzipiell
auch natürlich vorkommen
könnten“, erläutert Professor
Hermann Bürstmayr, Leiter
des Instituts für Nutzpflanzenzüchtung
und -genomik am
Department für Agrarwisssenschaften
der BOKU in Tulln.
Ein besonderer Schwerpunkt
des Instituts ist die Resistenzforschung
bei Getreide.
Die Genschere versteht
Bürstmayr als Präzisions-Werkzeug
in der Forschung und in
der Sortenentwicklung für bestimmte
Merkmale, nicht als
Wundermittel. „Wir können
mit dieser Methode Pflanzen
besser verstehen“, meint Bürstmayr.
Die Risiken für Mensch
und Umwelt sieht er „als nicht
grundsätzlich anders als bei
der klassischen Mutagenese,
Mutationszüchtung oder
Pflanzenzüchtung“. Zu klären
sei die Patentierung, die es
nach Ansicht von Bürstmayr
nicht brauche, da es in der klassischen
Züchtung schon den
Sortenschutz gibt, der nicht
unter das Patentrecht fällt und
der auch international akkordiert
ist. Wichtig seien beim
Sortenschutz die zwei Ausnahmen
„Landwirte-Privileg“ und
das „Züchter-Privileg“. Auch
kleinere Züchter sollten in Zukunft
noch Chancen am Markt
haben, stellt Bürstmayr fest.
Noch im Laufe dieser Woche
will das EU-Parlament über den
Vorschlag der EU-Kommission
zur Lockerung der Regeln bei
CRISPR/Cas9 abstimmen. Für
LK OÖ-Präsident Franz Waldenberger
ist die Genschere
ein Instrument, das den Landwirten
zur Verfügung gestellt
werden sollte, um den Herausforderungen
der Klimaerwärmung
in der Pflanzenzucht
besser begegnen zu können –
sofern Landwirte- und Züchterprivileg
erhalten bleiben.