Tierärzte-Engpass am Land
Trotz steigender Tierarztzahlen
verschärft sich die Versorgungslage
im ländlichen Raum. Laut
dem Rektor der Veterinärmedizinischen
Universität Wien,
Professor Matthias Gauly, liegt
das Problem nicht in der Anzahl,
sondern in der Verteilung:
Von den ausgebildeten Tierärzten
gehen immer weniger den
Weg in die Nutztierpraxis. Die
mangelnde Attraktivität dieses
Berufsbereiches könnte verschiedene
Ursachen haben.
Zum Teil lange Arbeitszeiten,
vergleichsweise geringe Einkommen,
schwierige Vereinbarkeit
von Familie und Beruf
sowie unsichere Zukunftsperspektiven
schrecken viele Absolventinnen
und Absolventen ab.
Mit ein Grund könnte auch die
mangelnde Kenntnis der Möglichkeiten
in der Nutztierhaltung
sein. Gleichzeitig zieht es
junge Tierärzte zunehmend in
die besser planbare und lukrativere
Kleintiermedizin. „Hinzu
kommt ein Strukturwandel
in der Landwirtschaft: Weniger
Betriebe bedeuten geringere
wirtschaftliche Grundlagen für
Praxen“, erklärt Gauly.
Die Vetmeduni setzt daher auf
mehrere Maßnahmen: stärkere
Praxisnähe und den Ausbau
regionaler Ausbildungsstandorte.
Ziel der regionalen Standorte
ist, Studierende stärker an die
Praxis im ländlichen Raum heranzuführen
und sie langfristig
für eine Tätigkeit in der Nutztierpraxis
zu gewinnen.
„Die Sicherung der tierärztlichen
Versorgung ist eine Aufgabe,
die nur gemeinsam mit Politik
sowie der landwirtschaftlichen
und veterinären Praxis
lösbar ist. Für eine Lösungsfindung
stehen wir als Landwirtschaftskammer
jederzeit zur
Verfügung“, bringt sich LK-Präsident
Franz Waldenberger ein.
Prävention und Biosicherheit
Angesichts des Tierärztemangels
und struktureller Veränderungen
kommen auf die Tiergesundheitsdienste
(TGD) geänderte
Herausforderungen zu.
Zentrales Element sind strukturierte
Bestandsbetreuung, Beratung
und Tiergesundheitsbesuche.
„Der TGD ist ein bewährtes
Instrument, das stabile Betreuungsstrukturen
gewährleistet“,
betont Max Hörman, Leiter
des Referates Veterinärangelegenheiten
und Tiergesundheit
in der LK Österreich. Besonders
wirksam sind die TGD in
Prävention und Biosicherheit:
Durch regelmäßige Betriebsbesuche,
verpflichtende Dokumentation
und gezielte Schulungen
erwerben Tierhalter
Wissen zu Seuchen, Hygiene
und Tierhaltung. So werden Risiken
früh erkannt und Krankheitsausbrüche
verhindert.
„Die Eigenverantwortung der
Betriebe ist zentral für ein funktionierendes
Präventionssystem“,
so Hörmann. Auch die
Reduktion des Arzneimitteleinsatzes
steht im Fokus. Prophylaxe,
laufendes Monitoring und
Benchmarksysteme sorgen dafür,
dass Antibiotika nur gezielt
eingesetzt werden. Künftig
sollen modulare Programme
und Teilnahmemöglichkeiten
im TGD mehr Flexibilität bringen.
Hier gilt es die rechtlichen
Rahmenbedingungen entsprechend
zu gestalten. Neue Lösungen
für die Notversorgung
sind ebenfalls geplant. „Einzelne
Tierärzte können die flächendeckende
Versorgung oft
nicht mehr sichern“, erklärt
Max Hörmann. Vorgesehen
sind organisierte Notdienste
und verpflichtende Versorgungssysteme.
TGÖ stärkt Tiergesundheit
Seit 2023 gibt es die Tiergesundheit
Österreich (TGÖ) als Dachverband
der Tiergesundheitsdienste.
Ziel ist es, „bundeseinheitliche
Standards zu schaffen
und die Tiergesundheit nachhaltig
zu verbessern“, erklärt
Geschäftsführerin Simone Steiner.
Zu den Aufgaben zählen
die Unterstützung von Betrieben
bei gesetzlichen Pflichten,
die Organisation von Gesundheitsprogrammen
sowie die
Nutzung von Daten über den
„Animal Health Data Service“
(AHDS). „Wir schaffen Transparenz
und ermöglichen gezielte
Prävention“, so Steiner.
Das AHDS vernetzt zahlreiche
Daten – etwa zu Antibiotikaeinsatz,
Schlachttierbefunden oder
Kälbersterblichkeit – und stellt
sie übersichtlich dar. Landwirte
erhalten betriebsindividuelle
Auswertungen und können
ihre Ergebnisse mit Durchschnittswerten
vergleichen. So
wird sichtbar, wo Verbesserungen
nötig sind, etwa bei Tiergesundheit
oder Management.
Gemeinsam mit dem Tierarzt
lassen sich darauf aufbauend
gezielte Maßnahmen setzen.
Eine besondere Stärke der TGÖ
liegt in ihrer breiten Vernetzung:
Landwirte, Tierärzte,
Wirtschaft und Organisationen
arbeiten gleichberechtigt zusammen.
„Diese enge Zusammenarbeit
entlang der gesamten
Wertschöpfungskette ist ein
großer Vorteil“, betont Steiner.
Auch die Bündelung von Fachwissen,
die Entwicklung einheitlicher
Programme und die
Nutzung vorhandener Daten
mit möglichst geringem Mehraufwand
zählen zu den Erfolgsfaktoren.
„Die Tiergesundheit ist Voraussetzung
für Tierwohl und
die Erzeugung hochwertiger
Lebensmittel. Um den Tierärztemangel
in der Nutztierhaltung
zu beheben, ist ein Schulterschluss
zwischen den Tierhaltern
und der Tierärzteschaft
essenziell“, appelliert LK-Präsident
Waldenberger an die Anwesenden.