Land & Leben
Eiweiß im Trend: Wie viel brauchen wir wirklich?
Ernährungsfachgesellschaften empfehlen für gesunde Erwachsene rund 0,8
Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht.
Diese Menge gilt als Mindestbedarf.
Viele Fachleute sehen sie
heute eher als Untergrenze: Für
eine optimale Versorgung – etwa
im Hinblick auf Muskelerhalt –
kann eine Zufuhr von 1,0 bis 1,2
Gramm sinnvoll sein. Sportlich
Aktive benötigen je nach Trainingsumfang
etwa 1,2 bis 1,6
Gramm, im höheren Alter wird
ebenfalls eine etwas höhere Eiweißzufuhr
empfohlen.
Die gute Nachricht: Dieser Bedarf
lässt sich problemlos mit regionalen
Grundnahrungsmitteln
decken. Milchprodukte liefern
pro 100 Gramm etwa 10 bis
25 Gramm Eiweiß, ein Ei rund
6 bis 7 Gramm, Fleisch etwa 20
Gramm. Pflanzliche Lebensmittel
ergänzen das Spektrum: Hülsenfrüchte
kommen gekocht
auf etwa 7 bis 9 Gramm pro
100 Gramm, Getreideprodukte
wie Haferflocken auf rund 13
Gramm, Nüsse – je nach Sorte –
auf etwa 12 bis 25 Gramm, werden
jedoch meist in kleineren
Mengen verzehrt und tragen daher
eher ergänzend zur Eiweißversorgung
bei.
Entscheidend ist nicht nur die
aufgenommene Menge, sondern
wie gut der Körper das Eiweiß
nutzen kann. Moderne
Bewertungssysteme berücksichtigen
daher vor allem die Verdaulichkeit
und die Aminosäurezusammensetzung.
Nur jener
Anteil, der tatsächlich verdaut
und aufgenommen wird und
alle notwendigen essentiellen
Aminosäuren in ausreichender
Menge enthält, kann in körpereigenes
Eiweiß umgebaut werden.
Dabei spielen sogenannte limitierende
Aminosäuren eine
zentrale Rolle. Fehlt eine essentielle
Aminosäure oder ist sie nur
in geringer Menge vorhanden,
ist die Eiweißverwertung eingeschränkt.
In Getreide ist häufig
Lysin limitierend, in Hülsenfrüchten
Methionin. Durch die
Kombination verschiedener Lebensmittel
– etwa Getreide mit
Hülsenfrüchten oder Erdäpfel
mit Ei – lässt sich dieses Problem
im Alltag einfach ausgleichen.
Kritischer zu sehen ist der Boom
rund um Proteinshakes und -riegel.
Diese Produkte sind meist
hoch verarbeitet und enthalten
isolierte Eiweißbestandteile, oft
kombiniert mit Zusatzstoffen,
Aromen und Süßungsmitteln.
Im Gegensatz zu natürlichen Lebensmitteln
fehlt ihnen die sogenannte
Lebensmittelmatrix
– also das komplexe Zusammenspiel
von Nährstoffen, das die
Aufnahme und Verwertung im
Körper beeinflusst. Dadurch liefern
sie zwar Eiweiß in konzentrierter
Form, aber nicht die gleiche
ernährungsphysiologische
Qualität wie wenig verarbeitete
Lebensmittel.
Für gesunde Menschen sind solche
Produkte daher in der Regel
nicht notwendig. Sie können in
bestimmten Situationen eine
praktische Ergänzung sein, ersetzen
jedoch keine ausgewogene
Ernährung.
Eiweiß ist ein wichtiger Nährstoff,
doch entscheidend ist
nicht nur die Menge. Wer auf
eine abwechslungsreiche Ernährung
mit regionalen,
möglichst wenig verarbeiteten
Lebensmitteln setzt und
unterschiedliche Eiweißquellen
kombiniert, kann seinen
Bedarf gut decken – ganz
ohne zusätzliche Produkte.