Bewährte Ackerbaukulturen müssen an den Klimawandel angepasst
werden. Was kann moderne Pflanzenzüchtung dazu beitragen?
Unternehmen, die auf Saatzucht und Saatgut-Vermehrung spezialisiert sind, spielen
für die Zukunft des Ackerbaus in Österreich eine große Rolle. Die LK OÖ ging folgender
Frage nach: Was kann moderne Pflanzenzüchtung in Zeiten des Klimawandels leisten?
Die heimische Saatgutwirtschaft
leistet einen zentralen
Beitrag für die Wettbewerbsfähigkeit
und Zukunftsfähigkeit
der Landwirtschaft in ganz Österreich.
Ohne moderne, an
die regionalen Bedingungen
angepasste Sorten ist nachhaltige
Landwirtschaft nicht
machbar. Das zeigt auch das
aktuelle Jahr, in dem der Ackerbau
aufgrund anhaltender Trockenheit,
die sich nur zum Teil
entschärft, unter Druck steht.
Hier kommt eine der wichtigsten
Leistungen der heimischen
Züchtungsarbeit zum Tragen:
die Entwicklung von Pflanzen,
die auch unter wechselnden
klimatischen Rahmenbedingungen
stabile und hohe Erträge
liefern. „Die Herausforderungen
in der Pflanzenzüchtung
liegen in der Anpassung
der bewährten Ackerbaukulturen
an die neuen klimatischen
Bedingungen und in der Frage,
was moderne Pflanzenzüchtung
für diese Anpassung leisten
kann“, erläutert Franz Waldenberger,
Präsident der Landwirtschaftskammer
OÖ.
Denn der Klimawandel
bremst bereits den Ertragsfortschritt
im Trockengebiet Ostösterreichs.
Im Burgenland ist
der Klimawandel längst Realität.
Die Durchschnittstemperatur
ist seit den 1960er Jahren
um zwei Grad Celsius gestiegen.
Die Niederschläge bleiben
mit 550 bis 650 Millimeter
jährlich zwar in etwa gleich, sie
treten aber öfter in Form von
kurzen und intensiven Starkregen
auf. „Diese Regengüsse
können vom Boden kaum aufgenommen
werden und gehen
für die Pflanzenproduktion
weitgehend verloren“, erläuterte
Werner Falb-Meixner, Vizepräsident
der LK Burgenland
bei einem Lokalaugenschein
im Seewinkel. Im Burgenland
setzt die Landwirtschaftskammer
gemeinsam mit den Bäuerinnen
und Bauern auf innovative
Bewässerungskonzepte,
die Förderung wassersparender
Bewirtschaftungsmethoden
sowie die Auswahl trockenresistenter
Sorten. Ohne Bewässerung
wäre auch die Saatmais-
Vermehrung für Corteva/
Pioneer im Seewinkel nicht
mehr möglich, wie die Landwirte
Helmut Meszaros und
Norbert Lidy in Tadten erklären.
Die Saatmais-Vermehrung
ist in diesem Gebiet seit 40 Jahren
ein wichtiges Standbein,
und wird im Burgenland auf
ingesamt 3.300 Hektar betrieben,
3.000 davon für Corteva/
Pioneer.
Im Burgenland werden die
Grundwasserstände ständig
gemessen. 20 Prozent des Wassers
darf von der Landwirtschaft
verwendet werden. „Wir
müssen lernen, mit dem weniger
werdenden Wasser auszukommen“,
so Falb-Meixner.
In Oberösterreich will man
den Herausforderungen des
Klimawandels vor allem durch
ein firmenunabhängiges Versuchswesen
begegnen. „Über
das Pflanzenbauliche Versuchswesen
der LK OÖ erhalten die
Ackerbauern neben der beschreibenden
Sortenliste der
AGES für ihre Sortenentscheidung
zusätzliche wichtige Informationen,
wie die aktuellen
Sorten unter Praxisbedingungen
direkt in ihrer Region abschneiden“,
erläutert Kammerdirektor
Karl Dietachmair. Seit
vielen Jahren organisiert die LK
OÖ Arbeitskreise für über 500
Ackerbaubetriebe, um die Produktionstechnik
laufend an die
ökologischen und wirtschaftlichen
Bedingungen anzupassen.
Es zeigt sich im letzten Jahrzehnt
ein jährlicher Ertragsfortschritt
bei Winterweizen
von plus 29 Kilogramm pro Hektar, bei Wintergerste plus
60 Kilogramm pro Hektar und
bei Sojabohnen von plus 103
Kilogramm pro Hektar. „Das
heißt, dass in OÖ bei der Sojabohne
aufgrund der erfolgreichen
heimischen Züchtung
durchschnittlich 1.030 Kilogramm
pro Hektar mehr geerntet
wird als vor zehn Jahren“,
erläutert der Leiter der
Pflanzenbau-Abteilung der LK
OÖ, Helmut Feitzlmayr. Zunehmend
zur Achilles-Ferse
im Pflanzenbau wird allerdings
der Verlust an Pflanzenschutz-
Wirkstoffen.
Einer der wichtigsten Player
in der europäischen Sojazucht
ist die Saatzucht Donau, die
zu je 50 Prozent der Saatbau
Linz und der Probstdorfer Saatzucht
gehört. 2006 wurde in
Reichersberg mit der Sojazüchtung
begonnen und Züchter
Bernhard Mayr leitet aktuell
eines der erfolgreichsten Soja-
Zuchtprogramme Europas.
„Unser Ziel ist die Entwicklung
von standortangepassten und
stresstoleranten Sorten“, erläutert
Mayr. In Österreich hat
die Saatzucht Donau bei Soja
einen Marktanteil von 61 Prozent,
in fünf weiteren wichtigen
europäischen Soja-Anbauländern
ist die Saatzucht Donau
klarer Marktführer.
Neben der Sojazüchtung
gibt es in Reichersberg auch
Zuchtprogramme für Winterbraugerste,
Wintertriticale
und Winterdinkel. Am Standort
Schönering der Saatbau
Linz steht die Maiszüchtung
im Fokus, und zwar seit 1978.
„Gefragt sind Sorten mit stabiler
Entwicklung in sensiblen
Wachstumsphasen und
effizienter Nutzung verfügbarer
Ressourcen. Züchtung ist
ein langfristiger Beitrag zur
Anpassung an veränderte Produktionsbedingungen.
Vor allem
braucht man für die Züchtung
einen langen Atem und
auch eine gute Versuchstechnik“,
ist Züchter Johann Weissinger
überzeugt.
Ein zentraler Bereich der Saatgutwirtschaft
ist die Saatmaisvermehrung,
die von der Saatbau
Linz in ganz Österreich auf
einer Fläche von 2.600 Hektar
betrieben wird. Über sämtliche
Ackerkulturen hinweg organisiert
die Genossenschaft in Österreich
Saatgutvermehrung
auf rund 13.000 Hektar. Die
gesamte Saatgutvermehrungsfläche
in Österreich beträgt
über alle in diesem Bereich tätigen
Unternehmen hinweg
rund 39.000 Hektar pro Jahr.
Die Saatbau Linz eGen mit Sitz
in Leonding ist eine genossenschaftlich
organisierte Pflanzenzüchtungs-
und Saatgutorganisation.
Die 1950 gegründete
Genossenschaft steht im
Eigentum von 3.301 Landwirtinnen
und Landwirten und
hat 570 Mitarbeiter. „Wir sind
in direkter Konkurrenz zu den
vier Welt-Konzernen der Saatgutwirtschaft,
nämlich Corteva/
Pioneer, Bayer/Monsanto,
BASF und Syngenta. Um
am Markt zu bestehen, versuchen
wir in Österreich die Kräfte
zu bündeln – z. B. mit der
Zusammenarbeit mit Probstdorfer
über die Saatzucht Donau
– und die regionalen Vorteile
auszuspielen“, erläutert
Saatbau Geschäftsführer Josef
Fraundorfer.
Die Probstdorfer Saatzuchtist ein familiengeführtes Saatgutunternehmen,das sich seit80 Jahren mit Vermehrung,Aufbereitung und Verkauf vonSaatgut beschäftigt und – überdie Saatzucht Donau – mitder Sortenzüchtung. „UnsereSchwerpunkte am Standort inProbstdorf sind die Winterweizenzüchtung,aber auch jenevon Durum und Wintergerste“,erläutert der Geschäftsführerder Probstdorfer Saatzucht,Marco Göttfried.Die Züchtung in Österreicharbeitet für die Zukunft: Esmüssen jetzt jene Sorten entwickeltwerden, die auch in15 Jahren noch funktionieren:„Die Brisanz des Klimawandelsist bei uns voll angekommen.Die Wasserversorgung bleibtzwar relativ gleich, durch diehöhere Temperatur verdunstetaber das Wasser schneller.Das setzt die Kulturen einemenormen Stress aus“, erläutertJohann Birschitzky, Geschäftsführerder Saatzucht Donau.Eine zentrale Rolle im Pioneer/Corteva-Konzern spieltder Standort Parndorf. Dortfinden Züchtung, Qualitätskontrolleund die Vermehrungvon Eltern- und Verkaufssaatgutstatt. Das Maiszüchtungsprogrammin Parndorf wurde1986 etabliert. „Wir verbindenmodernste Züchtungsmethodenmit digitalen Technologienund Künstlicher Intelligenz.So können wir schneller undgezielter Hybriden entwickeln,die den Herausforderungendes Klimawandels standhalten“,erklärt Josef Tomasich,Zuchtleiter Mais bei Corteva/Pioneer.